Steigende Energiepreise und Abhängigkeit von Autokratien: Die Lösung liegt in einer Energiewende von unten

Strategien für die Energiewende sind längst da • Zentralistischer Ansatz, Bürokratiedschungel und fehlende Anreize erschweren die dezentrale Energieversorgung

(Bottrop, 15. März 2022) Der Krieg Russlands gegen die Ukraine trifft uns alle. Emotional, weil wir einen Krieg mitten in Europa erleben und mit Millionen Menschen mitbangen, aber auch wirtschaftlich: Steigende Gaspreise und Androhungen von Lieferstopps erschweren die Energieversorgung. Die Antwort auf die aktuelle politische Lage müsste eine Energie- und Klimawende von unten als langfristige Lösung für ein akutes Problem sein. Dafür legt der Bund aber nach wie vor Steine in den Weg: Ein zentralistischer Ansatz, ein Bürokratiedschungel, fehlende Anreize für Bürger:innen und Kommunen sowie eine mangelnde Möglichkeiten zur Sektorenkopplung behindern die Energiewende von unten. Dabei ist es mit einer Energiewende von unten möglich, die dezentrale Energieversorgung sicherzustellen. Das hat das Modellprojekt InnovationCity Ruhr I Bottrop bewiesen: Innerhalb von zehn Jahren konnten die CO2 Emissionen der ehemaligen Kohlestadt um die Hälfte reduziert, erneuerbare Energien massiv ausgebaut und der Weg zur energetischen Unabhängigkeit eingeschlagen werden.

„Um unabhängig von Gaslieferungen aus Russland zu sein, muss der Bund sich energieautark aufstellen. Das funktioniert nicht von oben, sondern nur, wenn man unten ansetzt“, weiß Burkhard Drescher, Geschäftsführer der Innovation City Management GmbH (ICM). In dieser Funktion unterstützt er Kommunen und Bürger:innen seit rund zehn Jahren bei dem nachhaltigen Stadtumbau. In über 30 Städten in NRW und mit 16 Quartiersmanagement-Büros direkt vor Ort ist die ICM aktiv. Mit dem Ansatz einer Energiewende von unten sind die Bürger:innen Hauptakteure und die Stadt und das Quartier die kommunikativ erreichbare Ebene. Auf dieser Ebene müsse man laut Drescher Bürger:innen befähigen, Energie einerseits mit erneuerbaren Technologien selbst zu erzeugen und andererseits Energie durch Gebäudemodernisierungen Energie einzusparen. „Leider gibt es einen riesigen Bürokratiedschungel, wenn es um Zuschüsse zur Gebäudesanierung oder den Ausbau erneuerbarer Energien geht“, berichtet der ICM-Chef aus seiner Erfahrung. „Welche Anträge muss ich stellen, welche Fördermittel gibt es und welche Lösungen machen für mich Sinn? Diese Fragen beantwortet kein Konzept aus Berlin, sondern Energieberater:innen vor Ort“, erläutert Drescher. In Bottrop konnte die ICM mit Workshops, Beratung vor Ort und individuell abgestimmten Lösungen unter anderem die größte Photovoltaikdichte pro Kopf im Vergleich mit allen Großstädten in NRW erzielen. Neben einer Beratung vor Ort muss es auch Anreize geben: „Auch hier muss es ein Umdenken geben, um flächendeckend erneuerbare Energien ausbauen zu können. Beispielsweise kann Strom aus der eigenen Photovoltaikanlage aktuell nur eingespeist und nicht an den Nachbarn verkauft werden. Dabei wird der Betreiber wie ein Unternehmen besteuert. Hier besteht Handlungsbedarf“, so Drescher. Ein weiterer Grund, warum die Energiewende nur von unten möglich ist: Mit der Sanierung privater Bestandsgebäude kann massiv Energie eingespart werden. Auch hierzu müssen auf Quartiersebene die Hausbesitzer:innen aktiviert werden. „Deutschland ist gebaut. Wir haben 19 Millionen Wohngebäude im Bestand und liegen bundesweit bei einer energetischen Modernisierungsrate von unter einem Prozent. Hier wird deutlich, dass die Hauptakteure die Bürger:innen sein müssen und der zentralistische Denkansatz bei der Energiewende nicht funktioniert“, resümiert Drescher. Die von Wohngebäuden ausgehenden CO2-Emissionen sind im Bund von 2010 bis 2020 um 19 Prozent zurückgegangen – in Bottrop mit der Energieberatung um 47 Prozent.

Aufgrund fehlender Strukturen ist eine Energie- und Klimawende von unten aktuell nur dann möglich, wenn sich Akteure wie Kommunen stark machen und Unterstützer:innen aus der Wirtschaft gewinnen: In der InnovationCity Bottrop konnten so innerhalb von zehn Jahren nicht nur die CO2-Emissionen halbiert und eine immense Photovoltaikdichte erreicht werden – jedes Jahr fließen neue Gelder aus einer Solaroffensive zu den Bürger:innen. Und nicht nur private Immobilieneigentümer:innen, auch Wohnungsunternehmen und die ansässige Industrie haben sich mit komplett neu aufgestellt. Im Sektor Arbeit / Industrie ist der CO2-Ausstop zwischen 2009 und 2020 auf Bundesebene um 5,3 Prozent gesunken, in der InnovationCity um 56 Prozent. Nächster Schritt in Bottrop: Klimaneutralität. Warum Energiewende in Bottrop geht und Ausbau erneuerbarer Energien nicht überall verpflichtend ist? „Es gibt hier ein Manko in der Gesetzgebung: Die finanzielle Beteiligung von Kommunen an Wind- und Photovoltaik-Freiflächenanlagen nicht verpflichtend“, erklärt Drescher. Auch hier bestehe Handlungsbedarf. Gleichzeitig müsse man die Sektoren besser koppeln: „Wer das Auto mit Strom vom eigenen Dach tankt, ist unabhängig von steigenden Benzinpreisen und entlastet sein Portemonnaie. Es müssen verschiedene Energiequellen gleichzeitig erschlossen und intelligent vernetzt werden“, so Drescher. Wer soll die Energiewende umsetzen, wenn Investitionen in Erneuerbare für die Bürger:innen nicht lukrativ und für die Städte nicht verpflichtend sind? Fakt ist, dass auch schon vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine der Klimawandel und die drastisch gestiegenen Energiepreise einen Kurswechsel der Energiepolitik hätten auslösen müssen. „Auch wenn der Anlass bedrückend ist, so besteht eine letzte Hoffnung, dass die Politik nun endlich versteht, dass Energiewende nur gemeinsam und von unten geht und entsprechend handelt“, resümiert Drescher.

Über die Innovation City Management GmbH

Die Innovation City Management GmbH (ICM) ist ein ganzheitlicher Dienstleister für den klimagerechten Stadtumbau. Gemeinsam mit lokalen Akteuren erarbeitet die ICM bundesweit nachhaltige Konzepte für die Energie- und Klimawende von unten. Im Rahmen des Pilotprojektes „InnovationCity Bottrop“ hat die ICM bewiesen, dass Klimaschutz von unten möglich und finanzierbar ist: Innerhalb von zehn Jahren konnten die CO2-Emissionen in der Stadt halbiert und das Stadtbild nachhaltig verbessert werden. Ihre Expertise rollt die ICM inzwischen aus und entwickelt bundesweit ganzheitliche Konzepte zum klimagerechten Stadtumbau. Informationen finden Sie hier: https://www.icm.de/